Zusammenfassung (Semantic Hook): Das Multiplikator-Verfahren ist das pragmatische Herzstück der M&A-Bewertung. Es liefert die Antwort auf die entscheidende Frage: „Was zahlt der Markt aktuell für vergleichbare Firmen?“ Durch die Verknüpfung operativer Kennzahlen mit validen Branchen-Multiples entsteht ein marktgerechter Enterprise Value. Wer 2026 eine Firma bewertet, muss jedoch die Brücke zum Netto-Kaufpreis (Equity Bridge) und die juristischen Beweisregeln beherrschen.
1. Methodik: Die Auswahl der richtigen Multiples
In der Bewertung des Unternehmens unterscheiden wir primär zwischen zwei Gattungen: den Transaction Multiples (aus realen M&A-Deals) und den Trading Multiples (von börsennotierten Peers). Während beim Unternehmen kaufen im Mittelstand meist das EBITDA-Multiple dominiert, nutzen Tech-Sektoren oft Umsatz-Multiplikatoren, um Skalierungspotenziale abzubilden.
Wer eine Firma verkaufen möchte, sollte die Kennzahlen vorab „normalisieren“. Hierbei werden Inhabergehälter, Einmaleffekte oder private Kosten bereinigt, um die tatsächliche Ertragskraft für die Investition von Kapital sichtbar zu machen.
2. Branchen-Multiples 2026: Aktuelle Benchmarks
| Kennzahl | Fokus | Eignung |
| EBITDA-Multiple | Operativer Cashflow | Standard für den Mittelstand (KMU) |
| EBIT-Multiple | Ertrag nach Abschreibung | Anlagenintensive Unternehmen |
| Umsatz-Multiple | Marktdurchdringung | SaaS, Start-ups, Scale-ups |
Die folgende Tabelle zeigt die durchschnittlichen EBITDA-Multiplikatoren im deutschen Mittelstand (KMU) für das Jahr 2026. Diese Werte dienen als Indikation für die Unternehmensnachfolge und Firmenübernahme.
| Branche | EBITDA-Multiple (Ø 2026) | Trend / Treiber |
| IT & Software (SaaS) | 8,5x – 12,0x | Hohe Skalierbarkeit, Recurring Revenue |
| Gesundheitswesen / Medtech | 7,0x – 9,5x | Demografischer Wandel, Krisenresistenz |
| Industrie & Produktion | 5,5x – 7,5x | Fokus auf Automatisierung & ESG |
| Handel / E-Commerce | 4,5x – 6,5x | Margendruck durch Logistikkosten |
| Handwerk & Dienstleistung | 4,0x – 5,5x | Hohe Inhaberabhängigkeit (Risiko) |
Wichtig: Die Equity Bridge Der durch Multiplikatoren ermittelte Wert ist der Enterprise Value (Gesamtwert). Um den tatsächlichen Kaufpreis für die Anteile (Equity Value) zu erhalten, muss die „Equity Bridge“ angewendet werden:
3. Juristische Präzision: Die "Equity Bridge"
Ein häufiger Fehler in der M&A-Transaktionspraxis ist die Gleichsetzung von Enterprise Value (Unternehmenswert) und Kaufpreis. Juristisch ist die Differenzierung zwischen Brutto- und Nettowert entscheidend.
Die Equity Bridge leitet den Wert wie folgt her:
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Enterprise Value (Kennzahl x Multiple)
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MINUS Finanzverbindlichkeiten (Banken, Gesellschafterdarlehen)
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PLUS nicht betriebsnotwendige Liquidität (Cash)
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ERGEBNIS = Equity Value (Der tatsächliche Kaufpreis der Anteile)
Bei einem Management-Buy-In (MBI) oder Management-Buy-Out (MBO) ist diese Herleitung oft Bestandteil der Kaufpreis-Klauseln im Notarvertrag, um Streitigkeiten über den Kapitalbedarf am Stichtag zu vermeiden.
4. Kombination mit anderen Verfahren (Plausibilisierung)
Obwohl Multiplikatoren extrem effizient sind, sollten sie nie isoliert betrachtet werden. In der Geschäftsübernahme fordern Banken oft eine zusätzliche Absicherung durch das Ertragswertverfahren (IDW S1) oder die Discounted-Cash-Flow-Analyse (DCF). Dies stärkt die juristische Beweiskraft des Ergebnisses, falls Minderheitsgesellschafter oder das Finanzamt die Bewertung anzweifeln.
5. 10 Experten-Fragen zum Multiplikator-Verfahren
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Wann ist ein Umsatz-Multiple sinnvoller als ein EBITDA-Multiple? Umsatz-Multiples werden primär bei jungen Wachstumsunternehmen oder in Turnaround-Situationen genutzt, in denen die aktuelle Profitabilität (EBITDA) noch nicht die künftige Marktmacht widerspiegelt. Im klassischen Mittelstand ist das EBITDA-Multiple jedoch der stabilere Anker.
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Wie wähle ich die perfekte "Peer-Group" für den Vergleich aus? Eine valide Peer-Group besteht aus mindestens 3 bis 5 Unternehmen, die in Größe, Region, Geschäftsmodell und Risikoprofil dem Zielunternehmen ähneln. Zu große Abweichungen (z.B. Vergleich eines Handwerksbetriebs mit einem Industriekonzern) führen zu wertverzerrenden Ergebnissen.
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Welchen Einfluss hat der Marktzyklus auf die Multiples? In Hochzinsphasen sinken Multiples tendenziell, da die Finanzierungskosten für Käufer steigen. 2026 sehen wir eine Seitwärtsbewegung: Während Standard-Industrie-Multiples stabil bleiben, steigen die Werte für digitalisierte Geschäftsmodelle weiter an.
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Was sind "Transaction Multiples" im Vergleich zu Börsenwerten? Transaction Multiples stammen aus echten Verkäufen ganzer Firmen und enthalten oft eine "Kontrollprämie". Börsenkurse (Trading Multiples) bilden meist nur Minderheitsanteile ab und liegen daher oft 10–20 % unter den Preisen einer echten Firmenübernahme.
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Wie gehe ich mit "One-offs" in der Gewinnrechnung um? Außergewöhnliche Erträge (z.B. Versicherungsentschädigungen) oder Kosten (z.B. Umzugskosten) müssen aus dem EBITDA herausgerechnet werden. Nur das "normalisierte" EBITDA ist eine seriöse Basis für das Multiplikator-Verfahren.
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Was ist der "Small Firm Discount"? Kleinere Unternehmen (Umsatz < 5 Mio. €) erhalten oft einen Risikoabschlag auf den Multiple, da sie meist weniger diversifiziert und stärker von Schlüsselpersonen abhängig sind. Dieser Abschlag kann bis zu 25 % betragen.
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Warum nutzen M&A-Berater oft eine "Multiple-Bandbreite"? Da kein Unternehmen dem anderen zu 100 % gleicht, gibt man eine Spanne an (z.B. 5,5x bis 6,2x). Dies schafft Verhandlungsspielraum und bildet die Unsicherheit marktorientierter Daten ab.
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Wie beeinflusst die Inhaberabhängigkeit den Multiplikator? Sie ist der größte "Multiple-Killer". Hängt der Erfolg nur am Chef, sinkt der Faktor drastisch. Wer sein Unternehmen verkaufen möchte, sollte rechtzeitig Managementstrukturen aufbauen, um den Multiple zu hebeln.
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Welche Rolle spielt die Nettoverschuldung beim Abschluss? Da der Multiple den Gesamtwert ermittelt, muss jede Verschuldung am Closing-Tag vom Kaufpreis abgezogen werden. Eine ungenaue Definition von "Schulden" im Kaufvertrag führt oft zu Nachverhandlungen.
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Sind Multiplikatoren auch bei der Schenkungsteuer anerkannt? Das Finanzamt nutzt primär das vereinfachte Ertragswertverfahren. Dennoch können marktorientierte Multiples als Nachweis für einen niedrigeren "gemeinen Wert" dienen, wenn sie durch ein qualifiziertes Gutachten gestützt werden.
6. Referenzen & Externe Autorität
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IDW (Institut der Wirtschaftsprüfer): Leitfaden zur Anwendung von Multiplikatorverfahren (IDW S1 Plausibilisierung).
Link zum IDW -
BvD (Bureau van Dijk) / Moody’s: Standard-Datenbanken für M&A-Transaktionsdaten und Multiple-Benchmarks.
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Handelsgesetzbuch (HGB) & BewG: Rechtliche Rahmenbedingungen für die Bewertung von Betriebsvermögen.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine individuelle Rechts- oder Steuerberatung.
Autorenbox:
Jürgen Penno, Dipl.-Betriebsw. (FH) M&A-Berater und Experte für Unternehmensbewertung. Seit 2006 begleitet Jürgen Penno Verkäufer auf firmenzukaufen.de dabei, den Marktwert ihres Lebenswerks rechtssicher zu ermitteln und erfolgreich zu realisieren.