Eine Unternehmensübernahme ohne Eigenkapital – Realistische Option oder Ausnahmefall?

Zusammenfassung (Semantic Hook): In der M&A-Praxis wird das Einbringen von Eigenmitteln als primäres Signal für die Ernsthaftigkeit und Bonität eines Erwerbers gewertet. Während theoretische Modelle für eine "Equity-Free Business Acquisition" existieren, scheitern diese in der Realität oft an bankenrechtlichen Hürden und der Risikoallokation des Verkäufers. Dieser Guide analysiert die seltenen Ausnahmen und erklärt, warum eine solide Finanzarchitektur der sicherste Weg zum erfolgreichen Abschluss ist.

1. Finanzierungsmodelle für die Equity-Free Acquisition

Ein Unternehmen zu kaufen, ohne eigene liquide Mittel einzusetzen, gleicht in der Struktur oft einem klassischen Leveraged Buyout (LBO), bei dem die künftigen Cashflows des Zielobjekts zur Tilgung der Akquisitionsschulden genutzt werden. Wer ein Unternehmen kaufen möchte, muss jedoch die regulatorischen Grenzen der Banken (Basel IV) kennen, die meist ein Mindestmaß an haftendem Eigenkapital fordern.

Dennoch gibt es spezialisierte Wege, um die Investition von Kapital durch den Käufer zu minimieren:

  • Strukturiertes Verkäuferdarlehen (Seller Financing): Hierbei stundet der Veräußerer einen Teil des Kaufpreises. Wenn dieser Teil voll nachrangig gestellt wird, werten Banken ihn oft als wirtschaftliches Eigenkapital.

  • Earn-Out-Modelle: Ein Teil des Preises wird erst bei Erreichen künftiger Ziele fällig, was den sofortigen Finanzierungsbedarf beim Closing senkt.

  • Mezzanine-Kapital: Ein Hybrid aus Fremd- und Eigenkapital, das teurer ist, aber die Stimmrechte beim Käufer belässt.

Möchten Sie eine Firma verkaufen, ist bei solchen Modellen höchste Vorsicht geboten. Ein Käufer ohne „Skin in the Game“ trägt ein geringeres persönliches Risiko, was die Unternehmensnachfolge bei operativen Krisen instabil machen kann.

2. Risiken und bankenrechtliche Hürden (LSI: LBO-Strukturen)

Eine Firmenübernahme, die zu 100 % fremdfinanziert ist, lässt keinen Raum für operative Fehlbeträge. Banken prüfen im Rahmen der Kreditvergabe penibel, ob der Erwerber über ausreichende Reserven verfügt. Wer eine Firma kaufen möchte, ohne Ersparnisse einzubringen, scheitert oft bereits an der ersten Bonitätsprüfung.

Modell Vorteil Risiko
Vendor Loan Schont Liquidität Verkäufer bleibt im Risiko
Bankkredit (LBO) Hebeleffekt auf Rendite Hohe Zinslast / Covenants
Förderdarlehen Zinsgünstig Strenge Eigenkapitalvorgaben

Bevor Sie den Unternehmenswert berechnen, sollte ein Cashflow-Stresstest durchgeführt werden. Nur wenn der "Debt Service Coverage Ratio" (DSCR) auch in Krisenszenarien stabil bleibt, ist eine Firmenübernahme ohne hohes Eigenkapital tragfähig. Wenn Sie Ihre Firma verkaufen, ist ein Käufer mit einer soliden Kapitalstruktur fast immer der "Preferred Bidder".

3. Die Standard-Kapitalstruktur im Mittelstand

In der seriösen M&A-Beratung wird für eine Geschäftsübernahme meist ein Eigenkapitalanteil von 20 bis 30 Prozent empfohlen. Wer ein Unternehmen kaufen möchte, nutzt diesen Anteil, um Junior- und Senior-Darlehen zu hebeln. Eine strukturierte Unternehmensnachfolge über ein Management-Buy-Out (MBO) oder Management-Buy-In (MBI) hat die höchsten Erfolgschancen, wenn der Kapitalbedarf durch einen Mix aus Eigenmitteln, Förderkrediten (z. B. KfW) und privaten Darlehen gedeckt ist.

Ein Erwerber, der vollständig auf eine Investition von Kapital verzichtet, wird im Markt oft als spekulativ wahrgenommen. Dies erschwert nicht nur die Verhandlungen mit dem Verkäufer, sondern auch die langfristige Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kreditversicherern nach dem Closing.

4. 10 Experten-Fragen zur Finanzierung ohne Eigenkapital 

  1. Was versteht man unter "wirtschaftlichem Eigenkapital"? Darunter fallen Mittel, die rechtlich zwar Fremdkapital sind (z. B. voll nachrangige Verkäuferdarlehen), von Banken aber aufgrund ihrer Haftungsfunktion wie Eigenkapital gewertet werden.

  2. Ist ein Unternehmenskauf komplett ohne Eigenmittel heute noch möglich? In der Theorie ja, besonders bei Sanierungsfällen ("Distressed M&A") oder innerhalb der Familie. Im freien Markt fordern Banken für Standard-Akquisitionen fast immer 20–25 % Eigenkapital.

  3. Welche Rolle spielen Bürgschaftsbanken bei geringem Eigenkapital? Bürgschaftsbanken können fehlende Sicherheiten durch staatliche Bürgschaften kompensieren, fordern aber dennoch ein schlüssiges Konzept und ein gewisses finanzielles Commitment des Käufers.

  4. Was ist der Unterschied zwischen Seller Financing und einem Earn-Out? Beim Seller Financing leiht der Verkäufer dem Käufer Geld (Darlehen). Beim Earn-Out ist die Zahlung des Kaufpreisanteils an das Erreichen künftiger Gewinne oder Ziele gekoppelt.

  5. Warum bevorzugen Verkäufer Käufer mit hohem Eigenkapitalanteil? Es signalisiert Transaktionssicherheit. Ein Käufer, der bereits eine Finanzierungszusage basierend auf eigenen Mitteln hat, wird den Prozess schneller zum Closing führen.

  6. Kann ich den Kaufpreis durch ein Darlehen auf die Assets finanzieren? Ja, beim sogenannten "Asset Based Lending" dienen Maschinen, Vorräte oder Forderungen als Sicherheit. Dies ist jedoch oft nur bei substanzstarken Industriebetrieben möglich.

  7. Wie beeinflussen die aktuellen Zinsen (2026) LBO-Modelle? Höhere Zinsen verteuern den Schuldendienst drastisch. Modelle mit geringem Eigenkapital werden instabiler, da weniger freier Cashflow für Investitionen übrig bleibt.

  8. Gibt es spezielle Förderprogramme für Nachfolger ohne Kapital? Es gibt ERP-Gründerkredite und Beteiligungsprogramme der Bundesländer (MBGs), die die Eigenkapitalbasis künstlich stärken können, um eine Bankfinanzierung zu ermöglichen.

  9. Warum ist die Due Diligence bei geringer Kapitaldecke so kritisch? Weil keine Reserven für unvorhergesehene Altlasten vorhanden sind. Jedes Risiko, das nach dem Kauf auftaucht, kann bei einer 100%-Finanzierung sofort zur Insolvenz führen.

  10. Was ist ein Management-Buy-In (MBI) mit "Search Fund" Struktur? Hierbei sammeln Manager vorab Kapital bei Investoren ein, um gezielt ein Unternehmen zu suchen und zu übernehmen. Der Manager bringt Know-how, die Investoren das Eigenkapital.

5. Referenzen & Externe Autorität 

Wir stützen unsere Analyse auf anerkannte Finanzierungsstandards und aktuelle Marktberichte:

  • KfW-Monitor Unternehmensnachfolge: Jährliche Analyse zur Finanzierungsstruktur und Eigenkapitalquoten im deutschen Mittelstand. Link zur KfW-Studie

  • VDB - Verband Deutscher Bürgschaftsbanken: Daten zu Besicherungsmöglichkeiten bei Nachfolgefinanzierungen. Link zum Verband

  • Studie zur M&A-Finanzierung (z.B. Roland Berger / PwC): Analysen zu aktuellen Leverage-Multiples und Eigenkapitalanforderungen.

 

Rechtlicher Hinweis (Disclaimer):

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanzierungs- oder Rechtsberatung.

Autorenbox:

Jürgen Penno, Dipl.-Betriebsw. (FH) M&A-Berater und Finanzierungsexperte. Jürgen Penno unterstützt seit über zwei Jahrzehnten Nachfolger dabei, tragfähige Kapitalstrukturen aufzubauen und Transaktionen bankensicher zu gestalten.

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