Finanzierung einer Unternehmensübernahme: Möglichkeiten und Strategien 2026

Zusammenfassung (Semantic Hook) Die Finanzierung einer Unternehmensübernahme ist selten ein einfacher Bankkredit. Erfolgreiche Käufer nutzen eine „Strukturierte Finanzierung“ (Structured Finance). Die Basis bildet das Eigenkapital, ergänzt durch zinsgünstige Förderkredite (KfW) und klassische Bankdarlehen. Um Lücken zu schließen, werden zunehmend Mezzanine-Kapital, Verkäuferdarlehen (Vendor Loans) und Earn-Out-Klauseln genutzt. Diese Instrumente reduzieren die sofortige Belastung und binden den Verkäufer an den Erfolg.

1. Der „Capital Stack“: Die Architektur der Finanzierung

Eine moderne Akquisitionsfinanzierung besteht aus Schichten. Man nennt dies den „Capital Stack“. Je höher das Risiko für den Geldgeber, desto höher der Zins.

Im Zentrum steht die genaue Ermittlung des Kapitalbedarf. Dieser umfasst nicht nur den reinen Kaufpreis (Enterprise Value), sondern auch die Transaktionskosten (Due Diligence, Notar) und das Working Capital für die ersten Monate nach dem Closing.

Visualisierung: Die Finanzierungs-Pyramide

Hier sehen Sie, wie sich die Risiken und Kapitalarten schichten (Senior Debt bis Equity):

Die Pyramide zeigt: Ganz unten steht das besicherte Bankdarlehen (günstig), ganz oben das risikoreiche Eigenkapital (teuer).

2. Besicherung und Substanz: Was zählt für die Bank?

Bevor eine Bank die Investition freigibt, prüft sie die Sicherheiten ("Collateral"). Hier prallen oft Welten aufeinander: Der Käufer sieht die zukünftigen Gewinne (Ertragswert), die Bank sieht oft nur die Maschinen und das Lager (Substanz).

Für das Bankgespräch müssen Sie zwingend den Substanzwert kennen. Ist der Kaufpreis deutlich höher als dieser Wert, entsteht eine Finanzierungslücke ("Blanko-Anteil"), die durch Förderkredite oder Bürgschaftsbanken geschlossen werden muss. Details zur Berechnung dieser Untergrenze lesen Sie in: Unternehmenswert mit dem Substanzwertverfahren berechnen – Chancen und Grenzen.

3. Das Worst-Case-Szenario der Banken

Banker kalkulieren Risiken. In der Marktfolge-Abteilung wird simuliert, was passiert, wenn die Firmenübernahme scheitert.

Hier blickt die Bank auf den Liquidationswert. Das ist der Betrag, der übrig bliebe, wenn man die Firma sofort zerschlägt und die Assets einzeln verkauft. Nur wenn dieser Wert die Kreditsumme zu einem großen Teil deckt, gibt es grünes Licht zu guten Konditionen. Wie Banken dieses Risiko kalkulieren, erfahren Sie hier: Liquidationswert – Definition, juristische Bedeutung und Relevanz bei der Unternehmensbewertung.

4. Strukturierung: Asset Deal vs. Share Deal & LBO

Die Art des Deals beeinflusst die Finanzierbarkeit massiv.

  • Share Deal: Sie kaufen die Anteile (GmbH). Finanzierung ist komplexer, da man die Assets der GmbH oft nicht direkt als Sicherheit nutzen darf (§ 33 GmbHG).

  • Asset Deal: Sie kaufen die Wirtschaftsgüter einzeln. Das ist für Banken charmanter, da Maschinen direkt als Sicherheit dienen. Mehr dazu: Asset Deal im Unternehmensverkauf: Moderne Bewertung, Steuern und Käufergruppen 2025.

  • Leveraged Buy-Out (LBO): Hier wird der Kaufpreis überwiegend durch Fremdkapital finanziert, dessen Zins und Tilgung aus dem Cashflow des gekauften Unternehmens bedient werden ("Leverage Effekt").

  • Staple Financing: Manchmal bietet der Verkäufer (bzw. dessen M&A-Berater) direkt ein vorverhandeltes Finanzierungspaket an, um den Verkauf zu beschleunigen.

5. Sonderfall: Distressed M&A und Insolvenz

Wer eine insolvente Firma verkaufen oder kaufen will, muss schnell sein. Hier gelten völlig andere Finanzierungsregeln. Banken sind extrem zurückhaltend, dafür locken niedrige Kaufpreise (oft unter Substanzwert). Die Finanzierung muss hier oft zu 100 % aus Eigenkapital oder spezialisierten Distressed-Fonds kommen, da für langwierige Bankprüfungen keine Zeit bleibt. Expertenwissen zu dieser Nische finden Sie in: Was bedeutet Insolvente Firmen kaufen für Unternehmer? Analyse & Expertenwissen.

6. Rechtssicherheit als Finanzierungs-Voraussetzung

Keine Bank zahlt aus, wenn der Kaufvertrag (SPA) rechtliche Lücken hat. Die Bewertung und die daraus abgeleitete Finanzierungssumme müssen "wasserdicht" hergeleitet sein. Besonders bei Streitigkeiten über Earn-Outs oder Garantien dreht die Bank sofort den Geldhahn zu. Für die juristische Absicherung Ihrer Bewertung empfehlen wir: Unternehmenswert ermitteln: Juristisch fundierte Bewertung in der M&A-Praxis.

7. Praxis-Rechnung: Der Finanzierungs-Mix

Ein typisches Szenario für eine Übernahme im Mittelstand (Kaufpreis 1.000.000 €):

Tabelle: Finanzierungsstruktur (Beispiel)

Finanzierungs-Baustein Anteil Betrag Zins (Indikativ) Risiko-Rang
1. Senior Loan (Bank/KfW) 50 % 500.000 € 3,5 – 5,5 % Besichert (Rang 1)
2. Verkäuferdarlehen 20 % 200.000 € 5,0 – 8,0 % Nachrangig (Rang 2)
3. Mezzanine / Stille Bet. 15 % 150.000 € 8,0 – 12,0 % Nachrangig (Rang 3)
4. Hartes Eigenkapital 15 % 150.000 € - (Dividende) Volles Risiko
GESAMT 100 % 1.000.000 € Mischzins ~5-6%  

Diese Struktur schont die Liquidität. Wichtig ist, dass der Cashflow der Firma ausreicht, um Zins und Tilgung zu bedienen (Kapitaldienstfähigkeit).

8. Experten-FAQ: Die 8 wichtigsten Fragen zur Finanzierung

1. Wie viel Eigenkapital brauche ich für eine Firmenübernahme wirklich?

Die "harte" Untergrenze liegt meist bei 10-15 % des Kaufpreises plus die Kaufnebenkosten (Notar, Berater, Grunderwerbsteuer). Zwar werben manche Coaches mit "Kaufen ohne Eigenkapital", im seriösen deutschen Mittelstand ist dies jedoch ohne massive Zusatzsicherheiten (z.B. Grundschuld auf Privathaus) kaum machbar.

2. Was ist ein Verkäuferdarlehen (Vendor Loan) und wie funktioniert es?

Ein Vendor Loan ist ein Darlehen, das der Verkäufer dem Käufer gibt. Er stundet einen Teil des Kaufpreises (z.B. 20%) über 3-5 Jahre. Wichtig: Dieses Darlehen muss im Rang hinter der Bank stehen ("Rangrücktritt"). Dafür akzeptieren Banken es oft als Eigenkapital-Ersatz, was die Finanzierung erst ermöglicht.

3. Hafte ich privat für den Unternehmenskauf?

Ja, fast immer. Auch wenn Sie eine GmbH kaufen (Share Deal) oder eine Holding gründen (NewCo), verlangen Banken für den Akquisitionskredit meist eine persönliche Bürgschaft der Gesellschafter. Eine reine "Non-Recourse"-Finanzierung (Haftung nur auf das gekaufte Objekt) ist bei KMU-Deals unter 10 Mio. € extrem selten.

4. Was bedeutet Haftungsfreistellung bei der KfW?

Viele missverstehen das. Haftungsfreistellung bedeutet: Die KfW nimmt der Hausbank das Risiko ab (z.B. zu 80%). Wenn Sie pleitegehen, verliert Ihre Sparkasse/Volksbank weniger Geld. Das macht die Bank williger, den Kredit zu geben. Sie als Kreditnehmer haften aber weiterhin zu 100% für die Rückzahlung.

5. Was ist der Unterschied zwischen Mezzanine-Kapital und Eigenkapital?

Mezzanine ist eine Mischform. Rechtlich ist es oft Fremdkapital (man muss es zurückzahlen), wirtschaftlich wird es wie Eigenkapital behandelt (es haftet im Insolvenzfall). Mezzanine-Geber haben meist keine Stimmrechte, verlangen aber deutlich höhere Zinsen (8-15%) als Banken.

6. Wie lange dauert es, eine Übernahmefinanzierung zu bekommen?

Planen Sie konservativ mit 3 bis 6 Monaten. Nach Einreichung aller Unterlagen (Businessplan, Finanzplan, Bewertung) brauchen Banken und Förderinstitute oft 6-8 Wochen für die Gremienentscheidung. Ein "schneller Kredit" ist bei M&A unrealistisch.

7. Was ist ein Earn-Out und wann ist er sinnvoll?

Ein Earn-Out ist ein variabler Kaufpreisteil, der erst später gezahlt wird, wenn bestimmte Ziele (Umsatz/EBITDA) erreicht sind. Er ist sinnvoll, wenn Käufer und Verkäufer unterschiedliche Erwartungen an die Zukunft haben oder der Verkäufer noch als Geschäftsführer an Bord bleibt.

8. Kann ich den Kaufpreis aus dem Cashflow der Firma bezahlen?

Das ist das Ziel jedes "Leveraged Buy-Out" (LBO). Die Tilgung der Kredite erfolgt aus den Gewinnen des gekauften Unternehmens. Voraussetzung: Der Free Cashflow nach Steuern und Investitionen muss hoch genug sein, um den Kapitaldienst sicher zu decken.

Referenzen & Externe Autorität 

  • KfW Bankengruppe: Programme zur Existenzgründung und Nachfolge (ERP-Kapital). Quelle: KfW

  • Bafin: Regulatorische Rahmenbedingungen zur Kreditvergabe (MaRisk). Quelle: Bafin

  • IHK: Leitfaden zur Unternehmensnachfolge und Finanzierung.

 

Rechtlicher Hinweis:

Finanzierungskonditionen sind individuell. Dieser Artikel ersetzt keine Bank- oder Steuerberatung.


Autorenbox:

Jürgen Penno, Dipl.-Betriebsw. (FH) Spezialist für Akquisitionsfinanzierung und Structured Finance. Jürgen Penno begleitet Käufer bei der Strukturierung von "Capital Stacks", verhandelt mit Banken und Förderinstituten und optimiert den Mix aus Eigenkapital und Vendor Loans.

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